Dieses Buch ist grandios geschrieben - typisch Dostojewski entführt es uns in die Gefühls- und Gedankenwelt des Protagonisten und natürlich geht es um eine (tragische) Beziehung zwischen Mann und Frau, die schon nur aus der Not heraus entsteht und denn auch nur mit wenigen (wenn überhaupt) lichten Momenten gesegnet ist. Trotzdem lässt dieses Buch nicht traurig, sondern vielmehr nachdenklich und erstaunt darüber zurück, wie sich Charaktere zu enwickeln vermögen, die das Leben nicht füreinander bestimmt und doch zusammengebracht hat.Gerade für Dostojewski Neulinge aufgrund der geringen Seitenzahl ein gutes Einsteigerbuch.
"Sie sang von Liebe und Liebesgram, / Aufopferung und Wieder findenDort oben, in jener besseren Welt, / wo alle Leiden schwinden."( H. Heine, Deutschland - ein Wintermärchen, Caput I,4)Dostojewskis Erzählung «Die Sanfte» erschien 1876. Wie auch in "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" stellt ein Protagonist sich in einem inneren Monolog vor und nach und nach bloß. Wieder eine feinsinnige Erzählung aus dem tiefsten Inneren eines Menschen."Solange sie noch hier ist, ist noch alles gut; [...] aber morgen, wenn man sie fort trägt, wie soll ich dann allein bleiben?" fragt der Ehemann einer Selbstmörderin. Wirklich begegnet ist er ihr nie, da doch ihre Ehe unter dem Prinzip des Schweigens geführt wurde.Zwei Phasen durchwehen diese phantastische Geschichte. Ein Mann, gewesener Offizier und gequält durch seine Vergangenheit beschreibt sein Leben und Werden aus egoistischer Sicht. Er sucht sich eine Ehefrau, die zu nichts anderem da zu sein scheint, als ihm ein Spiegel des extravertierten Leidens zu sein. Seine Liebe zu ihr wird niemals deutlich, eine Bedrohung durch seine Ehefrau nimmt er als Verstärkung des Schweigens und der beständig steigenden psychischen Quälerei, die die sechzehnjährige Frau ihrerseits durch Krankheit zu entgehen weiß. Seine überdeutliche Fürsorge ist nicht mehr als psychischer Druck in einer von Beginn an scheinbar bewusst gescheiterten Beziehung.Der zweite Teil, im beginnenden Frühling, bestimmt eine Wende, weil ihr Singen, vergleichbar dem Singen der ersten Phase der Verliebtheit dazu führt, das er sich vergessen fühlt. Niemals sang sie, wenn er in der Wohnung war, nur manchmal allein. Und nun in seinem Dabei sein kommt die innere Wendung wie dem Sog der Loreley gleich. Er tritt in das Leben und in die Liebe zu dieser seiner Frau. Diese sieht nichts glaubhaftes an seiner nun zu Tage tretenden Wahrheit, der Tod kann ihr helfen, aber auch deswegen, weil sie erkennt, dass die Strafe der Morddrohung an ihren Ehemann nicht abgegolten ist. Ihr Glaube und Beten vor dem Marienbildchen brachte sie bereits mental in jene bessere Welt. ("Denn wer auf der Höhe steht...")Der namenlose Protagonist dieser Erzählung berichtet aus dem Zimmer der aufgebahrten Ehefrau. Im Angesicht des Todes werden ihm nicht nur die Brüche sondern auch die Brücken der ehelichen Verbindung sichtbar. Er kann und will nicht loslassen, lässt das Gewesene im Geist vorbeiziehen, macht die Vergangenheit zur Gegenwart. Zeiten verzwirbeln ineinander, Reales und Surreales vermischen sich. Das Netz seiner Erzählung, ein introvertiertes Gedankenportrait, durchwandert die Sanfte und auch ihn selbst. Über die Geschichte des Ehemanns entsteht ein mehrdimensionales Bild, in dem die Frau ebenso wie der Mann zum Erzähler wird. Es ist eine letzte Zwiesprache zweier abgekapselter Welten. Sanft und bewegend ziehen Impressionen durch den Leser, Erinnerung und Wirklichkeit, Gewissheit und Vermutung paaren sich; Vergangenes verbleibt jedoch ohne Zukunft. "was soll ich dann?"; die letzten Worte eines verzweifelten Witwers.~~