Um das Fazit gleich vorweg zu nehmen: dieses Buch ist ein echter Knaller. Mutig und zeitlos.Es stimmt schon, was offenbar alle anderen Rezensenten hier geschrieben haben: das Buch endet genau an der Stelle, in der Hildegunst endlich im Labyrinth ist. Und das war so von Moers auch nicht geplant, wie man unschwer der Einleitung, dem Nachwort und den Interviews entnehmen kann. Aufgrund der zumindest sehr, wenn nicht gar extrem hohen Erwartungen, die wohl jeder Leser der Stadt der träumenden Bücher an dieses neue Buch hatte, muß also zwangsläufig ein Gefühl der Enttäuschung zurück bleiben. So ist das durchaus auch bei mir. Das Buch, dass wir alle erwartet haben, kommt eben erst noch. Zeit genug also, sich mit dem Labyrinth der träumenden Bücher zu beschäftigen.Leider scheint es so zu sein, dass sich einige der Rezensenten nicht die Zeit genommen haben, das Gelesene zu reflektieren. Der Vorwurf, die Sequenz im Puppae Circus Maximus sei eine reine Wiederholung der Geschichte der Stadt der träumenden Bücher, ist völliger Unsinn. Natürlich, der Plot ist bekannt, und wird auch nicht neu erfunden; aber seit wann geht es bei Moers um den Plot? Vielmehr handelt es sich bei dieser Sequenz um die Moersche Adaption seines Erfolgsbuches als Musical, Theaterstück oder sogar Film. Die Beschäftigung mit der realen Adaption zum Comic wird hier wohl auch eine gewisse Motivation geliefert haben. Ich jedenfalls kann es kaum erwarten, die Stadt der träumenden Bücher als Musical zu sehen.Was vielfach als Weitschweifigkeit bezeichnet wurde, scheint eher die vergleichsweise kurze Handlung zu sein. Das Verweilen bei den einzelnen Themen, wie der Theateraufführung seines Buches, dem Studium des Puppetismus, oder auch seiner Erkundung der Stadt ist keinesfalls zu lang. Gut, die Handlung wird dadurch nicht vorangetrieben, dennoch handelt es sich um spannende, vor Kreativität strotzende Passagen auf gewohnt hohem Sprachniveau, die keineswegs zwangsläufig Langeweile aufkommen lassen; hier trübt wohl eher der persönliche Bedarf nach Action den Genuß.Wenn auch unauffällig, so ist die Entwicklung des Charakters von Mythenmetz dennoch enorm. Wer unmittelbar nach dem Lesen des Labyrinths wieder zur Stadt greift, bemerkt schon auf den ersten Seiten, wie jung, unerfahren und nervig Mythenmetz dort vergleichsweise ist. Der Vorwurf, dass im Labyrinth nichts passiert, kann also nicht ganz richtig sein.Was offenbar den meisten unbefriedigten Lesern des Labyrinths fehlt, so entnehme ich es den zahlreichen Gesprächen, ist die Förderung des Eskapismus. Grob zusammengefaßt unterscheiden sich die beiden Bücher in diesem Bereich darin, dass Moers mit der Stadt eine heile Welt der Gemütlichkeit, nicht nur für Leseratten, geschaffen hat, in der sich völlig unbelastet von Problemen, Unannehmlichkeiten und Zusammenhängen der realen Welt verweilen läßt. Im Labyrinth erfindet er Buchhaim neu, diesmal aber als Karikatur der realen Welt, natürlich gefiltert nach den für ihn relevanten Themen. Seine Seitenhiebe auf das Verlagswesen sind mit diesem Hintergrund nicht mehr so unschuldig wie zuvor, auch die Qualmoirs lassen unweigerlich Gedanken an ein immer noch ungelöstes gesellschaftliches Problem in der echten Welt aufkommen. Der Puppetismus enthält dutzende von Gedanken oder Ansichten zu Film, Theater, Musical, aber natürlich auch Puppenspiel. Kurz, das Labyrinth der träumenden Bücher ist ein erwachsenes Buch.Und jetzt doch noch das eigentliche Fazit: Das Labyrinth der träumenden Büchern ist kein Mythenmetz-in-Buchhaim-Roman. Es ist aber mehr als nur die Ouverture zu dem Buch, das hoffentlich bald noch kommen wird. Ich sehe es als einen den Hildegunst-in-Buchhaim-Zyklus ergänzenden Roman, in der die Stadt Buchhaim der eigentliche, eben auch nicht allzu schnell und viel handelnde Protagonist ist. Dieses Buch wird man auch noch in 10 oder 20 Jahren gerne zur Hand nehmen, gerade weil es keine Rolle spielt, dass man den knappen Plot schon zig mal gelesen hat.
200 Jahre nach dem großen Feuer, das Buchhaim zerstört hat, besucht Hildegunst von Mythenmetz die Stadt der Träumenden Bücher erneut.Nun muss man sagen, dass der berühmte Dichter sich nicht ganz freiwillig auf den Weg in die Büchermetropole gemacht hat. Der zu einiger Berühmtheit gelangte Lindwurm hatte sich die letzten Jahre auf seinem Ruhm ausgeruht, ist - linde gesagt - träge und selbstverliebt geworden. Einem glücklichen wie auch komischen Umstand ist es zu verdanken, dass er eines Tages einen Brief in die Hände bekommt, der seinem gemütlichen Leben ein Ende bereitet.In Buchhaim angekommen ist dann alles anders und neu. Anfänglich ist von Mythenmetz nicht besonders begeistert. Er findet es zu touristisch und vermisst die alten idyllischen Ecken. Als er dann aber alten Bekannten, den Lindwurm Ovidios, die Schreckse Inazea Anazazi und den Eydeeten Kibitzer begegnet und durch sie das wahre Gesicht der Stadt kennenlernt, kann er sich nach und nach mit dem neuen Buchhaim anfreunden. Auf der Suche nach dem Absender des Briefes, lernt er nun Stück für Stück neue Stadtgebiete, wie die Giftige Zone und die Buchhaimer Rüssel, und neue Errungenschaften, wie dem Biblionismus und dem Puppetismus, kennen. Durch seine Streifzüge und Erfahrung wird von Mythenmetz auch immer wieder mit seinem eigenen Leben, seinem Wirken und seinem Dasein als berühmter Dichter konfrontiert, was manchmal zu einer echten Herausforderung für den berühmten Lindwurm wird.Höhepunkt seiner Reise soll eine Audienz bei dem Direktor des berühmten Puppaecirkus Maximus werden: Maestro Corodiak. Durch ihn muss sich von Mythenmetz mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Als er dann noch eine Eintrittskarte für das Unsichtbare Theater erhält, beginnt eine aufregende Reise, deren Ende noch nicht abzusehen ist.Bewertung:Denis Scheck bezeichnet Walter Moers als einen der begabtesten und nicht zuletzt dadurch berühmtesten deutschen Schriftsteller unserer Zeit. Diesem Kompliment kann ich nur zustimmen. Mit seinen detailgetreuen Beschreibungen schafft er es, Buchhaim in den Köpfen der Menschen zum Leben zu erwecken. Der Leser wird durch die Stadt getragen, bekommt nicht nur einen architektonischen Einblick, der durch vielzählige Illustrationen untermauert wird, sondern kann das Treiben der Stadt nahezu fühlen.Kein anderer Autor vermag es, einen Abriss über geschichtliche Hintergründe oder Stilrichtungen, wenn sie denn auch nur erfunden sind, so faszinierend darzubieten. Dabei fällt der Ideenreichtum Moers besonders auf. Eine Welt wie Zamonien so zu errichten, ist echtes Kunsthandwerk! Da fällt es dem Leser auch nicht schwer, über das etwas abrupte Ende hinwegzusehen, zumal es kein endgültiges ist.