In diesem Band werden sechs Aufsätze zur "Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes" von Kandel versammelt. Spätestens beim dritten Terminus im Titel offenbart sich uns ein Widerspruch: Biologie des Geistes. Und das macht Kandel und sein Lebenswerk so bahnbrechend! Eigentlich Absolvent einer literaturwissenschaftlichen Disziplin kam Eric Kandel in Berührung mit der Psychoanalyse und wie Freud hielt er die neuronale Seite, den Aspekt der Biologie, für unverzichtbar - nur war Freud seinerzeit mit maroden Naturwissenschaften konfrontiert, wie sie heute (Molekularbiologie, Neurologie, Genetik etc.) aber wiederum umunstößlich sind, und somit die Erforschung der Seele ein rein geisteswissenschaftliches Genre; beides in einen Topf zu werfen, war Freud unmöglich. Kandel versucht genau diesen (paradigmatisch anmutenden) Brückenschlag und versucht Verhalten, Störungen, Gedächtnis und Geistesprozesse zu analysieren, um hieraus die Psychophänomene ableiten zu können. Der Vorwurf: Reduktionismus! Dieser im Übrigen zweierlei geartet: zum einen wurden die Muster und deren Veränderungen (Gene, Synapsen) an einem Schleimhaufen names Aplysia erforscht (komplexe Vorgänge auf ein wirbelloses Tier reduziert), zum anderen behauptet, dass alle Verhaltensweisen durch genetische, synaptische (neuronale) Verschaltungen evoziert sind, d.h. DETERMINIERT durch bio-natürliche Gesetze. Kandel konnte zeigen, dass sich Verhaltensmuster (auch komplizierte wie Lernen) in ihrer Evokation auf molekularer bzw. zellulärer Ebene entwickeln - hier für ALLE Lebewesen konserviert! Am Menschen wurden erste Orte im Gehirn für dieses und jenes lokalisert. Die Aufsätze Kandels können vor allem aufgrund ihrer spezifischen Semantik nicht im Besonderen hier wiedergegeben werden; manchmal sind sie recht fachlich und entziehen sich dem Laien in ihrer Vollständigkeit, aber die Essenz ist frappierend und spektakulär! Dabei soll festgehalten werden, dass es Kandel nicht darum geht, die Psychoanalyse zu zerstören, oder sie ihres "Amtes" zu entheben. Er möchte, dass künftig (z.B.) psychische Probleme auch neuronal erfasst werden, damit eine gezieltere Behandlung von Patienten möglich ist. Er sagt es selbst: ALLES ist organsisch (und nicht funktionell), daher gilt für Psychiatrie und Psychoanalyse künftig, sofern sie bestehen bleiben wollen: ein Kovergieren ist unumgänglich und notwendig! Und zur Zeit steckt das Zusammenwachsen in den Kinderschuhen. Kandels Leistungen wurden mit einem Nobelpreis beehrt - völlig zurecht. Wer eine Einführung lesen möchte, dem sei das vorliegende Buch empfohlen.
Es handelt sich hier um eine Aufsatzsammlung aus mehreren Jahrzenhnten, wo Aufsätze und Vorträge Kandels zusammengetragen sind: Das ist auf alle Fälle interessant.Es gibt ein kleines Vorwort von ihm selbst - offenbar unter dem Eindruck der Nobelpreisverleihung, wo er ein bisschen lebensgeschichtlichen Hintergrund anbietet: Da ist eine Lektüre seiner Autobiografie sinnvoll.Die Aufsätze werden von ihm selbst nicht kommentiert und sind auch bei groben Fehlern, die in der Zwischenzeit nachgewiesen sind, nicht korrigiert: Das macht die Lektüre zuweilen schwierig.Es gibt dafür persönliche Statements von Wissenschaftlerkollegen aus unterschiedlichen Bereichen, die ich als Bereicherung empfinde.Alle Aufsätze bewegen sich auf der Grenze zwischen jeweils aktuellen persönlichen Forschungsergebnissen, weitergehenden Hypothesen und Visionen einer Anwendung auf Bereiche der Psychologie und der Psychiatrie. Manches, was zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung sehr kontrovers war oder gar als abwegig galt, gilt heute als erwiesen, manches, was nahe zu liegen schien, ist heute widerlegt. Das macht die Sache interessant als ein Dokument der Zeit- und Forschungsgeschichte. Leider sind diese Dinge nicht im Einzelnen herausgearbeitet. Man muss schon selber seine Biografie und die Werke anderer Autoren lesen, um das einordnen zu können. Das finde ich ein wenig schade. Darum ein Punkt weniger.
Es ist in den vorherigen Rezensionen bereits alles gesagt, und nach dem Genuss der 5.Auflage 2017 könnte ich das eigentlich nur wiederholen, worauf ich allerdings verzichten möchte. Aber ich kann es jedoch nicht unterlassen, weitere 5 Sterne hinter das Buch zu setzen. Einen Hinweis muß ich allerdings geben: Es ist ein Buch für Sachkenner der Psychologie, Psychiatrie und Neurologie, und andere werden sich damit wahrscheinlich ein wenig schwer tun. Aber hier wird der Bogen gespannt und geschlossen zwischen "Funktion und Struktur" und dem Einfluß des Lernens auf die morphologischen bzw. genetischen und biochemischen Strukturen in unserem Gehirn. „Was wir als unseren Geist verstehen, ist ein Ausdruck der Funktionsweise unseres Gehirns“, das ist die Aussage des Nobelpreisträgers Kandel. Und wie recht hat er doch mit dieser Aussage, und wie wichtig ist es für uns, uns immer wieder im Lernen zu üben, damit wir in unserem Gehirn immer wieder die Voraussetzung für eine hohe Leistungsfähigkeit schaffen.