Der Autor beschreibt die Geschichte des Tempelbergs seit der Antike, wobei der Schwerpunkt auf der Entwicklung während der Existenz des Staates Israel liegt. Er bewertet die unterschiedlichen Einstellungen und Handlungen nicht, sondern beschreibt sie genau – das reicht aus, um sich ein eigens Bild zu machen: Religiöse Fanatiker, von welcher Seite auch immer, sind Argumenten und Kompromissen nicht zugänglich.Obwohl ich das Buch hervorragend und rundum empfehlenswerte finde, hätte ich mir gewünscht, dass Croitoru auf zwei Aspekte etwas näher eingeht: Er erwähnt zwar kurz islamisch/arabische Bestrebungen, historische jüdische Präsenz in Jerusalem und auf dem Tempelberg zu leugnen – es wäre aber hilfreich gewesen, sich mit Büchern von arabischen Autoren wie etwa Salibi etwas intensiver auseinanderzusetzen. Dasselbe gilt für die jüdischen Bewegungen für den Aufbau des dritten Tempels, die zwar immer wieder erwähnt werden, aber in ihrer genauen Zielsetzung und Argumentation etwas eingehender hätten beschrieben werden können.
Croitoru, Joseph, Al-Aqsa oder Tempelberg. Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten, München 2021, 26,95 € ISBN 978-3-406-76585-8Jerusalem war von Beginn seiner Gründung – wie das Hl. Land – ein stets umkämpfter Ort. Assyrer, Perser, Zerstörung des Tempels durch die römischen Legionen im Jahre 70, etwa vierhundert Jahre später Eroberung durch muslimische Araber, später die Kreuzritter, dann wieder die Moslems, als Wallfahrtsort ständiger Streit zwischen christlichen und muslimischen Pilgern, schließlich entsteht unter britischer Mandatsherrschaft ein internationaler Konfliktherd, der kaum befriedet werden konnte.Gläubige Juden beten an der Klagemauer, dem Rest des herodianischen Tempels, Christen gedenken mit der Grabeskirche sowie dem Gartengrab an Tod und Auferstehung Jesu und mit Errichtung der Al Aqsa Moschee wird Jerusalem nach Mekka und Medina zum drittheiligsten Ort des Islam reklamiert. Im Felsendom, der Umayyaden-Moschee, wird dem Touristen der Ort gezeigt, von dem Prophet nach einer islamischen Tradition in den Himmel geritten sei.Joseph Croitoru stellt in sechs Kapiteln den historischen Stoff und damit verbundenen Legenden auf der Basis von hebräischen und arabischen Quellen eine 3000jährige Geschichte sorgfältig dar und versucht, die verfahrene Situation zu erklären. Er beginnt im 1. Abschnitt mit der geschichtlichen Darstellung vom Tempel des Alten Israel über die Kreuzfahrerzeit bis zur muslimischen Herrschaft. Die frühzionistischen Träume, die Verherrlichung der Klagemauer, der Kampf um das Beten am Kotel wird im 2. Kapitel beschrieben. Dann wendet sich in einem größeren Abschnitt der Autor der Zeit Jerusalems unter britischer Herrschaft (1917-1948) zu. In dieser Zeit ging es zwischen Juden und Moslems nicht mehr um „nachbarschaftliche Streitigkeiten“. Unüberlegte Äußerungen und heftige, unkontrollierte Emotionen wurden „als Kriegserklärung aufgefasst.“(109) Für erheblichen Aufruhr unter den militanten muslimischen Nationalisten sorgte der britisch-jüdische Zionist Alfred Mond mit seiner Rede 1921, in der der die Errichtung eines großen Gebäudes am Ort des Salomonischen Tempels ankündigte. Die britische Mandatsmacht versuchte vergeblich den im ganzen Land schwelenden Konflikt zwischen der jüdischen Zuwanderung und der arabisch-muslimischen Einheimischen zu befrieden. Verbote hüben und drüben (Kontrollen bei Gebeten, Trennwand der Klagemauer), der arabische Aufstand 1936 und die jüdische Reaktion verschärften die jeweilige Situation, bei der die Briten immer mehr zwischen die Fronten von bewaffneten Auseinandersetzungen und Anschlägen gerieten und ihre Mandat 1948 aufgaben. Nach dem israelisch-arabischen Krieg übernahm das Königreich Jordanien die Obhut der Heiligen Stätten (Kap.4), unter der die Klagemauer für Touristen erst Ende der 50iger Jahre zugänglich wurde. Nach dem Sechstagekrieg änderte sich die Situation (Kapitel 5). Zwar zeigte Moshe Dayan im Gegensatz zum Oberrabbiner Goren wenig Interesse am Tempelberg. „Wozu brauchen wir diesen ganzen Vatikan?“ (175), doch die israelische Politik befürwortete die Eroberung Ostjerusalems und damit auch des Tempelberges. Um die Klagemauer als Gebetsstätte zugänglich zu machen, wurde das Maghrebiner Viertel mit zwei Moscheen abgerissen.(181) „Dem Weitblick von…Moshe Dayan ist es zu verdanken“(185), dass die Verwaltung des Tempelberges unter Auflagen „weiterhin in den Händen des muslimischen Waqf“ belassen wurde. (186) Allerdings kam es immer wieder durch messianischen Aktionismus (etwa Suche der Bundeslade durch den Rabbiner Getz im alten Gewölbe des (muslimischen) Tempelberges (1981) zu Konflikten (Brand- und Terroranschlägen), die etwa Arafats Kampagne zur „Befreiung“ von Al Aqsa provozierte. Handgreiflichkeiten und Generalstreik bewirkten eine internationale Krise. Im letzten (6.) Abschnitt wendet sich der Verfasser dem Thema „Der Heilige Felsen als Hindernis für den Frieden (seit 1993)“ zu. Der Bau eines jüdischen Tunnels zur Klagemauer, der Ausbau der sogenannten „Ställe Salomos“ zur Moschee, der politisch vollkommen unkluge Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon auf dem Tempelberg im September 2001 (Er löste die sog. Al-Aqsa-Intifada verbunden mit zahlreichen Selbstmordattentaten aus), die 2012 vorgetragene Forderung, das Gebet auf dem Tempelberg für Juden als religiöse Pflicht zu erklären, der Einfluß der Tempelaktivisten auf die israelische Politik dienen keineswegs dazu, in der Stadt des Friedens und ihrem Tempelberg Frieden zu schaffen.Joseph Croitoru hat mit dieser Studie eine bemerkenswert objektive Darstellung des gesamten Problems und Konfliktes verfasst und dabei auch nicht die hier mäßigenden Kräfte vergessen, ohne die die Situation gar nicht mehr zu bewältigen wäre. Hoffnung für einen baldigen Frieden und Entspannung der mal mehr, mal weniger aufgeladenen Lage kann es nur kommen, wenn die Beteiligten aufeinander zugehen. Dazu gehört auch, dass gegenseitiges Unrecht (ethnische Säuberungspolitik, zerstörende Siedlungspolitik, Selbstmordattentate, Raketenüberfälle etc.) aufhören.Dr. Hans-Joachim Ramm
★★★★★
Dr. Frank Stefan Becker
21.08.2023
amazon.de
Kurz und knapp:• Fokussiert auf die Zeit ab 1920• Dokumentiert weitgehend unparteiisch die jüdisch-arabischen Streitereien um den Tempelberg• Streift die Zeit vor dem 19. Jh. nur flüchtig, blendet kunstgeschichtliche Aspekte völlig ausEs dürfte wenige Orte geben, die über verschiedene Epochen hinweg so stark im Fokus verschiedener Religionen standen, wie der Jerusalemer Tempelberg. Wo der Überlieferung nach Abraham opferte, Salomon den ersten Tempel erbauen ließ, Jesus durch den kurz zuvor von Herodes prächtig erneuerten Tempel schritt, und wo lange nach dessen Zerstörung muslimische Herrscher ein Heiligtum errichteten – genau dort zanken sich seit gut hundert Jahren Muslime und Juden mit zunehmender Erbitterung und einem Fanatismus, der für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist.Der Beginn dieses Streits hat seine Wurzeln im späten 19. Jh, als zunehmend Juden in das schwächer werdende Osmanische Reich (Türkei) einwanderten und nach der britischen Eroberung Palästinas 1917 verstärkt Forderungen nach erweiterten Möglichkeiten zu Gebeten erhoben. Während anfangs seitens der Rabbiner aus religiösen Gründen Gebete auf der Plattform des Tempelbergs abgelehnt wurden, hatte bereits der Zionistenführer Herzl in seiner Utopie „Altneuland“ (1902) die Vision eines wieder errichteten Tempels.Ab 1920 intensivierte sich der Streit zwischen Juden, die ihre Gebetsmöglichkeiten erweitert sehen wollten, und Muslimen, die jede Veränderung des Status Quo als Schritt zum Verlust der Heiligtümer auf dem Tempelberg (und im Laufe der Zeit auch Palästinas) sahen. Diese sich immer weiter radikalisierenden Auseinandersetzungen beschreibt Croitoru mit zum Teil ermüdender Ausführlichkeit, wenn z.B. fast jede jüdische Aktion und die muslimische Reaktion (und umgekehrt) geschildert werden. Nach der Gründung Israels und vor allem nach der Eroberung Jerusalems im 6-Tage-Krieg 1967 riefen jüdische Aktionen, zu denen sogar versuchte Anschläge auf die Al-Aqsa-Moschee zählten, immer heftigere Reaktionen der sich langsam in der eigenen Stadt an den Rand gedrängten Palästinenser hervor, die ihrerseits mit Terroranschlägen gegen Israelis die Situation anheizten. Hier bietet der Autor eine übergenaue Bilanz der wechselseitigen Aktionen, die aber irgendwann keine weiteren Erkenntnisse mehr liefert. Eine zusammenfassende Beschreibung der Positionen beider Seiten hätte dabei für Leser mit normalem Hintergrund mehr Klarheit geschaffen und deutlicher gemacht, warum der Tempelberg wiederholt Auslöser für palästinensische Aufstände (Intifada) war.Was ich dagegen schmerzlich vermisst habe, ist z.B. eine Betrachtung der Bedeutung des Felsendoms, des bei weitem kulturhistorisch wichtigsten Bauwerks auf dem „Haram as-Scharif“, dem für Muslime heiligen Bereich auf dem Tempelberg. Nur so ließe sich ermessen, welche Kulturbarbarei die von einigen nationalreligiösen Israelis geforderte Beseitigung bedeuten würde – vergleichbar allenfalls mit den Gräueltaten des IS in Palmyra oder der Sprengung der Bamian-Buddhas durch die Taliban.Zu den fehlenden Aspekten der Vorgeschichte, die zumindest erwähnt gehört hätten, würde ich z.B. zählen:• Die angeblichen Bestrebungen Kaiser Julians, den Tempelberg um 360 n.Chr. für einen neuen jüdischen Tempel freiräumen zu lassen, und die christlichen Reaktionen darauf.• Die Beschreibung des Tempelbergs durch den irischen Pilger Arculf um 670.• Der Anlass für die Erbauung des Felsendoms um 692 und seine Rolle als Pilgerstätte.• Die architektonische Gestaltung des Felsendoms und seine Verwandtschaft mit spätantiken Bauwerken wie z.B. San Vitale in Ravenna.• Die darin angebrachte Bauinschrift mit der Erwähnung von Jesus (aber nicht Mohammeds!) sowie die spätere Ersetzung des Namens des umayadischen Bauherren durch einen Kalifen der folgenden Abbasidendynastie …. u.v.m.Da dieses Ausblenden den nicht bereits mit der Materie vertrauten Lesern viele Einblicke verwehrt, stellt es meiner Ansicht nach eine entscheidende Schwäche dieses Buches dar, das den anspruchsvollen Untertitel „Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten“ trägt. So kann ich leider nur drei Sterne für die ansonsten quellenstarke Fleißarbeit vergeben.