Selten habe ich ein Buch so verschlungen wie dieses. Monika Czernin, die Autorin, scheint lediglich die Reisen des Kaisers Joseph II durch Europa zu beschreiben. Tatsächlich führt sie den Leser mitten hinein in die Denkweise derer, die der Aufklärung in Europa auf die Sprünge geholfen haben. Keine Person ist da als Kristallisationspunkt geeigneter als der so wenig bekannte Kaiser, der Sohn Maria Theresias.Seit ich als Schüler vor dem bescheidenen Sarg Josephs II in der Kapuzinergruft stand, hinter dem sich das Doppelgrabmahl seiner Eltern in barocker Opulenz wölbt, war ich von diesem Habsburger beeindruckt.Die Legende, er sei erfolglos gewesen, ein eigenbrötlerischer Sonderling, der noch auf dem Sterbebett alles widerrufen habe, was er als Kaiser geschaffen hatte, hat bewirkt, dass ich mich nie mit Joseph II beschäftigt habe.Das ist umso erstaunlicher, als das Portrait des Kaisers im Treppenhaus meines Elternhauses hängt. Ich bin ihm von frühester Jugend täglich begegnet. Es ist kein bedeutendes Bildnis, eher Massenware. Mein Vorfahr, der zur Zeit der Herrschaft Josephs II gelebt hatte, war turnusmäßig, also ohn sein Verdienst und Würdigkeit, Generaldirektor der Reichsritterschaft gewesen. In diesem Amt war er den Reichsfürsten protokollarisch gleichgestellt und deshalb bekam er wohl automatisch das Bild. Das hat sich bis heute nicht geändert, das Foto des Bundespräsidenten hängt in allen österreichischen und deutschen Amtsstuben.Wie gut, dass ich nun dieses hochinteressante Buch habe lesen können. Monika Czernin zeigt ganz en passant, wie da jemand nicht mehr herrscht, sondern regiert. Berichte genügten ihm nicht, er wollte selbst sehen, was in seinem Reich und in den angrenzenden Staaten los ist. Dabei war er sogar fähig, eine bereits vorgefasste Meinung zu ändern.Stets wissenschaftlich akkurat aber nie langweilig zeigt uns die Autorin das, was im Geschichtsunterricht stets vernachlässigt wurde: Das Schicksal der kleinen Leute, das den Kaiser stets umgetrieben hat. Es ist ein wirkliches Verdienst dieses Buches mit zum Teil fast schmerzender Genauigkeit darzustellen, wie Trägheit, Borniertheit, Desinteresse und Gier der Mächtigen die unterdrückten Massen zu Hunger, Elend und schierer Verzweiflung verurteilten. Man fühlt sich an Georg Kreisler erinnert:„Ändern ka ma garnix, weil dann hätt mers ja scho gmacht.“Genau damit wollte Joseph II aufräumen. Wie schwer das war, wie relativ machtlos er gegen die „poderes fácticos“ war, das erzählt das Buch in zum Teil bedrückender Weise.Nach der Lektüre habe ich den Eindruck, dass meine Sichtweise auf die Historie verändert wurde, Monika Czernin sei Dank.Schade ist, dass die Stiche, von denen die Autorin in einem der Trailer erzählt, keinen Eingang ins Buch gefunden haben.Etwas Kritik muss aber auch sein: Die Autorin unterfordert manchmal das historische Wissen ihrer Leser. Beispiel: Wenn sie berichtet, im 18 Jahrhundert sei Vergewaltigung in der Ehe noch nicht strafbar gewesen. Auch müssen wir nicht mehrmals erfahren, welche Sprachen der Kaiser sprach und welche nicht.Und noch etwas stört: Die historischen Zitate sind kursiv gedruckt. Mir schien die gewählte Schrifttype schwer zu lesen.Zum Schluss: Das Buch ist auf wunderbarem Papier gedruckt. Noch nie ist mir aufgefallen, dass Umblättern ein sinnlicher Vorgang sein kann.Monika Czernin gebührt großer Dank für dieses wichtige Buch der Wissenserweiterung. Eines ich sicher. Wer das Buch kauft, tut sich damit einen Gefallen und der Autorin auch.Hans Rotenhan
Joseph II war offensichtlich ein besonderer und gewinnender Mensch. Querkopf wie Innovationsgenie seiner Zeit. Interessiert, vernetzt in viele Teile der Welt, offen, fleißig, kreativ und von einem wohl eisernen Willen beseelt, seinen Beitrag zu Verbesserung in seinem politischen Auftrag, für die Menschen in seinem Land und darüber hinaus zu leisten.Soweit hat man das vielleicht schon aus einem gelungenen Geschichtsunterricht mitnehmen können. Was in diesem Buch aber gelingt, ist das Eintauchen in eine überwältigende Zeit, lebendiger, tiefer und besser, als jeder Film es könnte. Beim Lesen dieses Buches hat man das Gefühl in der Kutsche neben dem Kaiser Platz zu nehmen, mit ihm mit den Dorfleuten in weit entlegenen Gebieten des damaligen Europa in einem Gasthaus an einem Tisch zu sitzen, oder in den Ateliers toskanischer Maler in Florenz die frischen Farben förmlich riechen zu können.Mir persönlich entsteht mit diesem Buch ein ganz lebendiges Bild des eigentlichen Lebens dieser Zeit, von den vielen Mühseligkeiten in all den Dingen, die uns heute selbstverständlich sind, wie etwas zu essen haben, reisen können, Menschen erreichen können auf der einen Seite und dem vermeintlichen Luxus und Prunk der oberen Klassen, die diese Inszenierungen aber auch mit einer gewissen Notwendigkeit gestalteten. Heute würde man von Marketinginvestitionen sprechen. Vieles, was wir heute als Problem und Schwierigkeit benennen, erscheint in einem ganz anderen Licht, wenn man in diesem Buch erlebt, was die Menschen damals als ganz normal bewältigt haben.Und auch mit heutigem Blick zu sehen, wie Joseph und die anderen damals engagierten „Herrscher“ mit den im Vergleich zu heute, minimalen Möglichkeiten, die Menschen erreicht haben, kommuniziert und geführt haben, sich mit Informationen versorgt haben, und unermüdlich dran geblieben sind, ihre Visionen zur Weiterentwicklung von Wohlstand und Kultur der gesamten Gesellschaft voranzutreiben, lässt auf lebendige und unterhaltsame Weise erleben, was alles machbar ist, wenn man mit Willensstäke und Durchhaltevermögen gesetzte Ziele verfolgt.Wie in eine Zeitmaschine versetzt tauchen wir in diesem Buch in die Natur und Schönheit dieser Zeit ein, aber auch mitten in die Kaiserlichen Paläste oder die dunklen Gassen in den Städten oder das schwere Leben in den Dörfern. Dabei wird man wie nebenbei in diesem ganz konkreten Mitleben in dieser Zeit mit einer Fülle von historischem Wissen versorgt, ohne dieses anstrengend und kompliziert aufnehmen zu müssen. Es fügt sich einfach als Nebenprodukt in die mitgelebten Szenen ein.Lebendig, unterhaltsam und mit zahlreichen Aha-Erlebnissen für die heutige Zeit – ein Buch, das fast notwendiger Weise dazu führt, dass wir unser Leben heute noch viel mehr genießen und schätzen, das uns vielleicht sogar zufriedener macht. Das uns aber auch mit faszinierender Neugierde die spannenden Entwicklungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit ihren Auswirkungen bis in unsere Zeit heute verfolgen lässt.Ich wünschte, es hätte so ein Buch schon in meiner Schulzeit gegeben! – Klare 5 Sterne und ein großes Danke an die Autorin.Ferdinand Schmid Schmidsfelden